Dienstag, 29. November 2011

Die Messi-Hexe

Neulich kam wieder einmal ein Komplettausfall rein. Keine große Sache, die anfälligsten Komponenten hab ich ja dabei, ich rechne mit ca. 30 Minuten Reparatur, geht sich also noch gemütlich vor dem Feierabend aus.

Denkste.
Ich: "Ich müsste bitte zur Telefonanlage."
Kunde: "Die steht gleich hier, bitte."
Ich: "Nein, das ist nur die Vermittlungsstelle. Die Anlage ist dezent größer und hängt wahrscheinlich irgendwo an der Wand."
Kunde: "Ach... hmm. Oh, ich glaub ich weiß wo das... ohje, im anderen Büro. Folgen Sie mir bitte."
Ohje?!

Das "Büro" gleich nebenan erkennt man als solches maximal am Schild an der Tür. Innen hat es eher den Charme einer Altpapiersammelstelle. Meterhohe - und das ist nicht übertrieben - Papierstapel wohin das Auge schweift. Unter einem besonders breiten Papierstapel vermute ich einen Schreibtisch. Zumindest hat er vier Beine und ein Stuhl steht davor. Außerdem sehe ich eine halb verdeckte Tastatur, aber weder PC noch Bildschirm.

Der Mitarbeiter führt mich zu einem ähnlichen Konstrukt in einer Ecke.
Kunde: "Ich glaube da drunter ist die Anlage. Ich räum mal kurz den Tisch frei."
Ich: "Ist in Ordnung, ich geh mal kurz telefonieren."
Im anschließenden Raum sieht es kein bisschen besser aus. Doch, da ist klar und deutlich ein Schreibtisch als solcher zu identifizieren. Ich rufe also einen Kollegen zurück, der mich während der Ankunft zu erreichen versucht hat.
Gerade als ich ihn grüße taucht auf einmal eine Frau von einem bisher noch nicht als solchen erkannten, weil total übermüllten Arbeitsplatz auf.
Hexe: "Na hören Sie mal! Was erlauben Sie sich! Wer hat Ihnen erlaubt hier hereinzukommen?!"
Ich, nach einem kurzen Herzstillstand: "Guten Tag, tut mir leid, [$Techniker], [$Firma]. Ich bin wegen der Telefonanlage hier, gleich nebenan."
Hexe: "Wunderbar. RAUS HIER!"
Ich: "Ist ja gut, bin schon weg.."
Man muss dazusagen, dass die zwei Räume nicht von einer Tür getrennt waren. Den Kollegen habe ich dann kurz vor der Tür die Situation erklärt. Anscheinend hat er den Kunden erkannt.
Kollege: "Scheiße, mach dass du da wegkommst! Die alte Hexe ist total irre! Das letzte Mal ist die komplett ausgetickt weil ich meine Jacke auf eine Stuhllehne gehängt habe und nicht auf den Kleiderständer!"
Alles klar. Eine verrückte Messi-Hexe. War ja klar, dass kurz vorm Feierabend sowas kommen musste.
Das heißt die Hexe ist die Chefin. Nun gut.

Nachdem die Anlage eine viertel Stunde später einigermaßen zugänglich freigeräumt wurde, konnte ich auch arbeiten. Zehn Minuten später hatte ich die Fehlerursache gefunden. Eine defekte Platine, geschätzte 30 Jahre alt. Davon haben wir nichtmal mehr eine Idee von einem Vorrat.

Also rein zur Hexe und die Situation klären.
Ich: "Entschuldigung, wegen der Telefonanlage..."
Hexe: "Das interessiert mich nicht! Gehen Sie zu meinem Kollegen im anderen Büro!"
Ich: "Es ist nur, dass ich leider nichts reparieren kann..."
Hexe: "Hören Sie nicht? RAUS hier, sonst werde ich unfreundlich!"
Alles klar. Dann zum Kollegen, Situation erklärt. Die Entscheidung muss natürlich die Chefin treffen.
Mitarbeiter: "Könnten Sie ihr das kurz erklären? Ich kann das leider nicht entscheiden."
Ich: "Habe ich schon probiert, aber Sie möchte nicht mit mir reden."
Mitarbeiter: "Achso, ja. Sie müssen wissen, dass sie ein bisschen...."
Danach suchte er händerudernd nach einem politisch korrekten Ausdruck.
Ich: "Schon klar, kein Problem." *wissendeszunicken*
Mitarbeiter, sichtlich erleichtert: "Ja. Machen wir es so - ich werde sie in einer ruhigen Minute drauf ansprechen und mich dann telefonisch bei Ihnen melden, ja?"
Ich: "In Ordnung. Dann wirds aber heute nichts mehr mit einer Ersatzanlage."
Mitarbeiter: "Schon klar. Kein Problem."

Eine halbe Stunde später, bereits mehr Kilometer entfernt als es die Geschwindigkeitsbeschränkungen zulassen würden, bekomme ich einen Anruf.
Mitarbeiter: "Ja, guten Tag. Frau [$Hexe] möchte eine funktionierende Anlage haben. Aber das darf nichts kosten. Ich hab gar nicht erst versucht ihr zu erklären dass das ohne Vertrag nicht möglich ist. Schicken Sie uns bitte ein Angebot."

Danke, Mitarbeiter. Die Alte war wirklich gruselig.
Mein Beileid an den Vertrieb.

Kommentare:

McDuck hat gesagt…

Nur mal als Frage: Muss man sich denn wirklich alles gefallen lassen? Kann man nicht einfach sagen: OK, das war's, so lasse ich mich nicht behandeln, sehen Sie zu, wo sie eine Reparatur/neue Anlage herbekommen? Steht in eurer Arbeitsplatzbeschreibung, dass ihr wirklich alles schlucken müsst?

BloggenderTechniker hat gesagt…

Nein, natürlich kann ich auch einfach fahren. Aber was passiert dann? Ganz einfach: Kunde beschwert sich beim Chef, Chef ruft mich an, ich erklär ihm alles, er versteht meine Sicht, Klärung mit dem Kunden, ich werd wieder hingeschickt. Vielleicht auch ein Kollege.
Vielleicht verlieren wir auch den Kunden. Wer weiß. Leider stehen die Chancen zu gut, dass ich nochmal hin muss - und das kann ich meistens vermeiden indem ich einfach auf Durchzug stelle, den Nicken-und-Lächeln-Modus auf Automatik stelle und das Problem behebe.

Tigrette hat gesagt…

...bereits mehr Kilometer entfernt als es die Geschwindigkeitsbeschränkungen zulassen würden...

alleine für diesen Satz lohnt es sich, hier mitzulesen. Genial (ich habe immer noch ein breites Grinsen im Gesicht).

Anonym hat gesagt…

Also deine Geschichte kann ich absolut nachvollziehen. Hätte mich wahrscheinlich genauso verhalten.
Super Blog!